WCAG & BFSG: WCAG-Referenz: Bedienbar
WCAG 2.4.5: Verschiedene Methoden
WCAG 2.4.5 verlangt, dass sich jede Seite einer Website auf mindestens zwei verschiedenen Wegen finden lässt. Möglich sind etwa die Navigation und zusätzlich eine Suche, eine Sitemap oder die Verlinkung aus verwandten Inhalten. Ausgenommen sind allein Seiten, die Schritt innerhalb eines Prozesses sind, wie der zweite Checkout-Schritt.
(Englisch: Multiple Ways. Im BIK-BITV-Test heißt der Prüfschritt „2.4.5 Alternative Zugangswege“.)
| Stufe | Prinzip | Teil der WCAG seit | Rechtlich verbindlich? |
|---|---|---|---|
| AA | Bedienbar | 2.0 (2008) | Ja (über EN 301 549 in BFSG & BITV) |
Das Wichtigste in Kürze
- Zwei Wege genügen (mehr ist nett, wird aber nicht gefordert).
- Der Breadcrumb-Pfad zählt nicht als eigener Zugangsweg. Das steht so ausdrücklich im deutschen Prüfschritt und ist der häufigste Irrtum bei diesem Kriterium.
- Hauptmenü und Untermenü sind zusammen nur ein Weg. Auch eine Fußzeile, die dieselben Punkte wiederholt, macht daraus keinen zweiten.
- Die XML-Sitemap zählt nicht. Sie ist für Suchmaschinen; gemeint ist die menschenlesbare HTML-Variante.
- Der Prüfschritt gilt nur für informationsorientierte Angebote mit mehr als einer Seite. Eine Einzelseite fällt heraus.
- Prozessschritte sind ausgenommen: Checkout-Schritt 2, Formularseite 3 eines Wizards, die Bestätigungsseite nach dem Absenden.
- Bei kleinen Websites kann die Startseite selbst die Sitemap sein, wenn sie alle Unterseiten verlinkt.
- Stufe AA, seit WCAG 2.0 unverändert und über die EN 301 549 verbindlich.
Brauche ich eine Suche auf der Website?
Nicht zwingend. Jede Seite muss aber auf mindestens zwei Wegen auffindbar sein, etwa über Navigation plus Sitemap, Suche oder interne Verlinkung.
Der Gedanke dahinter ist einfach: Menschen suchen unterschiedlich. Manche arbeiten sich durch Menühierarchien, andere tippen sofort in ein Suchfeld, wieder andere folgen Querverweisen im Text. Wer nur einen Weg anbietet, zwingt allen dieselbe Strategie auf und schließt die aus, für die diese Strategie nicht funktioniert.
Der BIK-BITV-Test führt auf, was als eigenständiger Zugangsweg zählt: durchgängig verfügbare hierarchische Navigationsmenüs, Sitemaps und Inhaltsverzeichnisse, Suchfunktionen über ein Suchfeld oder eine eigene Suchseite, die vollständige Verlinkung aller Seiten von der Startseite bei kleinen Angeboten, sequenzielle Verlinkung mit Vor- und Zurück-Links sowie automatisch erzeugte Seiten aus Transaktionen.
Interessanter ist die Gegenliste, weil sie im Audit die Ergebnisse dreht:
Der Breadcrumb zählt nicht. Der Prüfschritt hält ausdrücklich fest, dass ein hierarchischer Navigationspfad kein eigenständiger Zugangsweg ist. Die Logik: Ein Breadcrumb zeigt, wo man ist, und führt nach oben. Er hilft nicht dabei, eine Seite zu finden, die man noch nicht kennt. Als Orientierungshilfe bleibt er trotzdem wertvoll und ist über andere Kriterien indirekt erwünscht.
Untermenüs zählen nicht extra. Hauptmenü plus aufklappende Unterebenen sind zusammen ein Mechanismus, kein zweiter Weg. Dasselbe gilt für eine Fußzeile, die dieselbe Struktur noch einmal abbildet.
Die XML-Sitemap zählt nicht. Sie ist ein Signal an Suchmaschinen, kein Bedienelement. Gemeint ist die menschenlesbare HTML-Sitemap (eine Seite, die alle Inhalte auflistet und sich anklicken lässt).
| Zählt als eigener Zugangsweg | Zählt nicht |
|---|---|
| Durchgängiges hierarchisches Navigationsmenü | Breadcrumb-Pfad |
| HTML-Sitemap oder Inhaltsverzeichnis | Untermenüs des Hauptmenüs |
| Suchfunktion (Feld oder eigene Suchseite) | XML-Sitemap für Suchmaschinen |
| Vollständige Verlinkung von der Startseite (kleine Angebote) | Fußzeile mit denselben Punkten wie das Hauptmenü |
| Sequenzielle Verlinkung (vor und zurück) | entfällt |
| Automatisch erzeugte Seiten aus Transaktionen | entfällt |
Die Ausnahme für Prozessschritte ist eng: Sie gilt für Seiten, die nur innerhalb eines Ablaufs Sinn ergeben (der Zahlungsschritt im Checkout, Seite drei eines mehrstufigen Antrags, die Bestätigungsseite). Der Prüfschritt begründet das damit, dass solche Schritte außerhalb ihres Kontexts keinen Nutzen haben. Für alles andere gilt das Kriterium.
Der Normtext steht im Understanding-Dokument des W3C zu 2.4.5, das deutsche Prüfvorgehen im Prüfschritt „2.4.5 Alternative Zugangswege“.
Wen betrifft es besonders?
Screenreader-Nutzende sind die Gruppe, für die ein Suchfeld den größten Unterschied macht. Ein Menü mit sechs Hauptpunkten und je acht Unterpunkten bedeutet, sich durch achtundvierzig Ansagen zu arbeiten, um zu sehen, was es gibt. Eine Suche überspringt das vollständig. Umgekehrt gilt: Wer den richtigen Suchbegriff nicht kennt (weil die Website ihn anders nennt), kommt nur über das Menü ans Ziel. Genau deshalb verlangt das Kriterium beides.
Für sehbehinderte Menschen mit starker Vergrößerung sind großflächige Mega-Menüs mühsam: Bei 400 Prozent Vergrößerung passt eine Menüspalte kaum noch auf den Schirm, und jede Bewegung mit der Maus riskiert, dass das Menü zuklappt. Ein Suchfeld oder eine lineare Sitemap-Seite ist dort deutlich schneller.
Menschen mit kognitiven Einschränkungen profitieren von der Wahl in beide Richtungen: Wer sich Kategorien schlecht merken kann, sucht; wer mit abstrakten Suchbegriffen nicht zurechtkommt, klickt sich sichtbar durch eine Struktur. Ein einziger Weg zwingt beide in dieselbe Strategie.
Und schließlich hat das Kriterium einen Nebeneffekt, der über Barrierefreiheit hinausgeht: Mehrere Zugangswege sind exakt das, was interne Verlinkung als SEO-Strategie beschreibt. Was Menschen hilft, hilft auch Crawlern und KI-Systemen, die Struktur einer Website zu verstehen.
Richtig & falsch im Code
Der zweite Zugangsweg ist selten ein technisches Problem. Meist fehlt er einfach. Die Suche ist der naheliegendste Kandidat und braucht nicht viel:
<!-- Falsch: nur die Hauptnavigation, sonst nichts -->
<nav aria-label="Hauptnavigation">
<ul>
<li><a href="/produkte.html">Produkte</a></li>
<li><a href="/preise.html">Preise</a></li>
</ul>
</nav>
<!-- Richtig: zweiter Weg über eine beschriftete Suche -->
<search>
<form action="/suche.html" method="get">
<label for="q">Website durchsuchen</label>
<input type="search" id="q" name="q" />
<button type="submit">Suchen</button>
</form>
</search>
Das <search>-Element ist seit 2023 Teil von HTML und liefert die Landmark gleich mit. Wer ältere Hilfsmittel absichern will, setzt stattdessen role="search" auf das <form>. Beides zugleich sollte es aber nicht sein, sonst entstehen zwei verschachtelte Such-Landmarks. Wichtig ist vor allem das <label>: Ein Suchfeld mit bloßem placeholder verstößt gegen
3.3.2 Beschriftungen oder Anweisungen
und wäre dann ein Zugangsweg, der selbst eine Barriere ist.
Wer keine Suche betreiben kann oder will (bei einer statischen Website ohne Backend ein realistischer Fall), baut den zweiten Weg über eine HTML-Sitemap:
<!-- Richtig: /sitemap.html als menschenlesbares Inhaltsverzeichnis -->
<h1>Übersicht aller Seiten</h1>
<h2>WCAG & BFSG</h2>
<ul>
<li><a href="/wcag-und-bfsg/bfsg-einfach-erklaert.html">BFSG einfach erklärt</a></li>
<li><a href="/wcag-und-bfsg/kriterien.html">Alle 55 WCAG-Kriterien</a></li>
</ul>
<h2>Semantisches HTML</h2>
<ul>
<li><a href="/semantisches-html/was-ist-semantisches-html.html">Was ist semantisches HTML?</a></li>
</ul>
Der dritte Weg, der oft schon da ist und nur benannt werden muss: die Verlinkung zwischen verwandten Inhalten.
<!-- Richtig: Weiterlesen-Block als eigener Navigationsbereich -->
<nav aria-label="Verwandte Themen">
<h2>Verwandte Themen</h2>
<ul>
<li><a href="/wcag-und-bfsg/kriterien/2-4-1-bloecke-umgehen.html">2.4.1 Blöcke umgehen</a></li>
<li><a href="/barrierefreie-komponenten/mega-menues.html">Mega-Menüs bauen</a></li>
</ul>
</nav>
Bei allen drei Varianten gilt: Der Ankertext muss das Ziel beschreiben. „Hier“ und „mehr erfahren“ verstoßen gegen 2.4.4 Linkzweck im Kontext und machen den Zugangsweg für Screenreader-Nutzende wertlos, die sich Linklisten ausgeben lassen.
So testest du es
- Eine tiefe Inhaltsseite auswählen (nicht die Startseite, sondern etwas auf der dritten Ebene). Dort zeigt sich, ob es wirklich zwei Wege gibt.
- Die Wege durchzählen. Menü? Suche? Sitemap? Verlinkung aus Artikeln? Jeden Weg einmal tatsächlich gehen, nicht nur annehmen, dass er funktioniert.
- Die Gegenliste anwenden: Breadcrumb streichen, Untermenüs zum Hauptmenü zählen, XML-Sitemap streichen, Fußzeile mit identischen Punkten streichen. Was bleibt übrig?
- Prozessseiten identifizieren (Checkout, Wizards, Formularstrecken). Sie sind ausgenommen, brauchen dafür aber andere Qualitäten.
- Die Suche selbst prüfen: beschriftet, per Tastatur bedienbar, Ergebnisse verständlich ausgegeben? Ein Zugangsweg, der nicht bedienbar ist, zählt nicht.
- Die Sitemap auf Vollständigkeit prüfen. Eine HTML-Sitemap, die nur die Hauptebenen listet, ist für tiefe Seiten kein Zugangsweg.
- Mit dem Screenreader gegenprüfen: Sind die Bereiche als Landmarks erkennbar und benannt? Eine Navigation ohne
aria-labelist bei mehrerennav-Elementen kaum unterscheidbar. Siehe dazu Landmarks & Outline.
Häufiger Fehler in der Praxis
Der häufigste Fehler ist der Breadcrumb als zweiter Weg. In Selbstbewertungen taucht er regelmäßig als Begründung auf: „Navigation plus Breadcrumb, also zwei Wege.“ Der deutsche Prüfschritt widerspricht dem ausdrücklich. Ein Breadcrumb setzt voraus, dass man bereits auf der Seite ist. Als Findehilfe taugt er nicht. Der Befund ist ärgerlich, weil er leicht zu vermeiden wäre: Eine HTML-Sitemap kostet eine Stunde.
Der zweite ist die Suche, die keine ist. Es gibt ein Suchfeld, aber es durchsucht nur den Shop-Katalog, nicht die Inhaltsseiten. Oder es liefert Ergebnisse, die niemand deuten kann. Ich würd bei jedem Audit die Suche einmal mit drei Begriffen füttern, die auf tiefen Seiten stehen. Wenn nichts Brauchbares zurückkommt, ist es kein Zugangsweg, sondern Dekoration.
Der dritte ist die Fußzeile als Ersatz-Sitemap. Viele Websites verlinken im Fuß dieselben Punkte wie im Hauptmenü und halten das für einen zweiten Mechanismus. Es ist derselbe Weg an anderer Stelle. Eine Fußzeile wird erst zum eigenen Weg, wenn sie andere Inhalte erschließt als das Menü (etwa alle Unterseiten statt nur der Hauptrubriken).
Und der vierte, der bei modernen Websites häufiger wird: die Suche, die es nur mobil gibt. Am Desktop ist das Suchfeld hinter einem Icon versteckt, das erst beim Überfahren erscheint. Auf Touchgeräten gibt es kein Überfahren. Ein Zugangsweg, den man nur auf einem Gerätetyp erreicht, ist auf dem anderen keiner.
Häufige Fragen
Zählt ein Breadcrumb als zweiter Zugangsweg?
Nein. Der BIK-BITV-Test hält ausdrücklich fest, dass ein hierarchischer Navigationspfad kein eigenständiger Zugangsweg ist. Ein Breadcrumb zeigt die Position und führt nach oben, hilft aber nicht beim Finden unbekannter Seiten. Als Orientierungshilfe bleibt er sinnvoll (nur eben nicht für dieses Kriterium).
Brauche ich zwingend eine Suchfunktion?
Nein. Zwei beliebige anerkannte Wege genügen. Eine HTML-Sitemap plus Hauptnavigation erfüllt das Kriterium ebenso wie Navigation plus Suche. Für statische Websites ohne Backend ist die Sitemap oft der einfachere Weg und mit einer generierten Seite sogar wartungsfrei.
Gilt 2.4.5 auch für einzelne Landingpages?
Nein. Der Prüfschritt gilt für informationsorientierte Angebote mit mehr als einer Seite. Eine Website, die aus genau einer Seite besteht, fällt heraus. Sobald es Unterseiten gibt, greift das Kriterium (auch bei kleinen Angeboten, wo dann die Startseite selbst als Sitemap dienen kann).
Sind Checkout-Seiten ausgenommen?
Ja, sofern sie Schritt in einem Prozess sind. Der Zahlungsschritt oder Seite drei eines Antrags ergeben außerhalb ihres Ablaufs keinen Sinn und brauchen deshalb keinen zweiten Zugangsweg. Die Übersichts- und Einstiegsseiten des Shops sind davon nicht gedeckt. Dort gilt das Kriterium normal.
Reicht die XML-Sitemap für Suchmaschinen?
Nein. Sie ist ein Signal an Crawler und für Menschen nicht bedienbar. Gemeint ist die HTML-Sitemap: eine normale Seite mit einer Liste aller Inhalte, verlinkt und lesbar. Beide nebeneinander zu haben, ist sinnvoll. Für 2.4.5 zählt nur die zweite.
Verwandte Themen
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- Landmarks & Outline: damit die Bereiche auch benennbar sind