WCAG & BFSG · WCAG in der Praxis

Barrierefreiheit selbst testen

Man muss kein Auditor sein, um die meisten Barrieren selbst zu finden. Mit ein paar Werkzeugen und einer Handvoll Handgriffe kommt man erstaunlich weit – und das Wichtigste ist, überhaupt regelmäßig zu prüfen, statt es bis zu einem großen Audit aufzuschieben. Ein externes Audit ersetzt das nicht, aber es startet von einem viel besseren Niveau.

Prüfmaßstab sind dabei die WCAG-Kriterien auf Stufe AA. Mein Vorgehen ist immer geschichtet: erst automatische Tools für die schnellen Treffer, dann manuelle Prüfungen für alles, was Maschinen nicht beurteilen können.

Automatische Tools – schnell, aber begrenzt

Automatische Prüfer sind der ideale Einstieg: Sie finden in Sekunden fehlende Alt-Attribute, zu schwache Kontraste, nicht verknüpfte Labels und kaputte Strukturen. Ich nutze gern:

  • axe DevTools – Browser-Erweiterung, sehr verlässliche Befunde.
  • WAVE – zeigt Probleme direkt visuell auf der Seite an.
  • Lighthouse – in Chrome eingebaut, gut auch für die Verlaufskontrolle.

Vor einem Launch ist mein Richtwert: Lighthouse-Wert für Barrierefreiheit ≥ 95 und in axe null Fehler. Aber – und das ist entscheidend – diese Tools finden nur einen Teil der Probleme.

Tools sehen nicht alles. Automatische Prüfer decken je nach Schätzung nur etwa ein Drittel der WCAG-Kriterien ab. Sie erkennen ein fehlendes alt, aber nicht, ob ein vorhandener Alt-Text sinnvoll ist. Den Rest entscheidet menschliches Urteil.

Tastatur-Test – der wichtigste Handgriff

Die mit Abstand wirkungsvollste manuelle Prüfung: Maus weglegen und die Seite per Tab, Shift+Tab, Enter und Leertaste durchgehen. Kommt man überall hin? Ist der Fokus immer sichtbar? Bleibt man nirgends hängen? Das deckt Probleme auf, die kein Tool meldet – Details unter Tastaturbedienung & sichtbarer Fokus.

Zoom & Vergrößerung

  • Auf 200 % zoomen: Bleibt alles lesbar und bedienbar, ohne dass Inhalte abgeschnitten werden?
  • Auf 400 % bzw. ein schmales Fenster: Bricht das Layout sauber um (Reflow), oder erscheint ein horizontaler Scrollbalken?
  • Textabstände erhöhen (per Bookmarklet): Verträgt das Layout größere Zeilen- und Buchstabenabstände?

Kontrast und Farbe

Den Kontrast kritischer Text- und Bedienelemente mit einem Contrast Checker prüfen. Und die Seite gedanklich in Graustufen betrachten: Geht eine Information verloren, die nur über Farbe transportiert wird?

Screenreader-Stichprobe

Ein kurzer Durchgang mit einem Screenreader zeigt, wie die Seite wirklich „klingt“ – ob Überschriften, Landmarks, Links und Formulare Sinn ergeben. Man muss kein Profi sein; schon eine Stichprobe deckt viel auf.

Gegen die Checkliste

Zum Schluss gehe ich strukturiert die Punkte durch, die Tools nicht abdecken – dafür ist die BFSG-Checkliste gedacht. Eine Sammlung erprobter Werkzeuge findet sich außerdem unter Tools.

Mein Prüf-Ablauf vor dem Launch

  1. axe / Lighthouse laufen lassen, offensichtliche Fehler beheben.
  2. Tastatur-Durchlauf der wichtigsten Seiten und Abläufe.
  3. Zoom auf 200 % / Reflow prüfen.
  4. Kontraste der kritischen Stellen messen.
  5. Screenreader-Stichprobe (NVDA oder VoiceOver).
  6. Checkliste für den Rest.

Diese Runde kostet überschaubar Zeit und verhindert die allermeisten peinlichen Patzer – ich lasse sie vor keinem Launch aus.

Häufige Fragen

Reicht ein guter Lighthouse-Wert?

Nein. Ein hoher Wert ist ein gutes Zeichen, aber kein Konformitätsnachweis – er prüft nur den automatisch testbaren Teil. Die manuellen Schritte bleiben Pflicht.

Brauche ich am Ende trotzdem ein externes Audit?

Für eine belastbare Aussage – gerade mit BFSG-Bezug – ist eine unabhängige Prüfung sinnvoll. Selbst testen senkt aber den Aufwand und die Zahl der Befunde erheblich.

Was ist mit Overlay-Tools, die alles automatisch „reparieren“?

Davon halte ich wenig. Sie kaschieren Symptome, beheben die Ursachen im Markup nicht und ersetzen weder echtes Testen noch echte Umsetzung.

Fazit

Selbst testen heißt: automatische Tools für die schnellen Treffer, dann Tastatur, Zoom, Kontrast und eine Screenreader-Stichprobe für alles, was Maschinen nicht beurteilen. Tools finden etwa ein Drittel – die anderen zwei Drittel findest du mit ein paar Handgriffen und gesundem Menschenverstand. Genau diese Runde vor dem Launch macht den Unterschied.