WCAG & BFSG · WCAG verstehen
WCAG-2.2-Referenz: alle 55 Kriterien der Stufen A & AA
Die WCAG 2.2 enthält insgesamt 86 einzeln prüfbare Erfolgskriterien auf drei Stufen – erfüllen musst du in Deutschland und der EU die 55 Kriterien der Stufen A und AA, denn genau die sind über BFSG und BITV (via EN 301 549) praktisch verbindlich. Diese Seite ist die deutschsprachige Referenz dazu: jedes der 55 Kriterien mit eigener, einheitlich aufgebauter Unterseite – was verlangt es, wen betrifft es, wie sieht richtiger und falscher Code aus, und wie testest du es?
Damit du die Referenz nicht nur als Linkliste nutzt, sondern das System dahinter verstehst, steht vor den Tabellen das Wichtigste zum Aufbau der WCAG, zu den Neuerungen in Version 2.2 und dazu, wie du vom Audit-Befund zur passenden Kriteriumsseite kommst. Die Nummern folgen dem Original (z. B. 1.4.3), die Namen der gebräuchlichen deutschen Übersetzung – auf jeder Seite steht zusätzlich der englische Originaltitel, damit sich Audit-Berichte und internationale Quellen sauber zuordnen lassen. Zum Einstieg in die Grundlagen: die vier Prinzipien (POUR) und Konformitätsstufen A/AA/AAA.
Zwei benachbarte Seiten haben bewusst einen engeren Zuschnitt als diese hier: Wer wissen will, was sich mit Version 2.2 geändert hat, findet die Neuzugänge einzeln aufbereitet unter Neu in WCAG 2.2: die neun neuen Erfolgskriterien. Wer wissen will, wie die Versionen und Nummern zusammenhängen (warum 1.4 von 1.4.5 auf 1.4.10 springt und welche Fassung rechtlich gilt), liest WCAG 2.1 & 2.2: Versionen, Aufbau und Nummerierung. Diese Seite hier ist der vollständige Nachschlageband: alle 55, keine Auswahl.
So ist das System aufgebaut: 4 Prinzipien, 13 Richtlinien, 86 Kriterien
Die WCAG 2.2 sind streng hierarchisch organisiert – und wer diese Hierarchie einmal verstanden hat, findet sich in jedem Audit-Bericht zurecht:
- 4 Prinzipien bilden das Dach: Wahrnehmbar, Bedienbar, Verständlich, Robust (englisch POUR). Sie beschreiben, warum es die Anforderungen gibt.
- 13 Richtlinien konkretisieren die Prinzipien zu Themenfeldern – etwa „1.4 Unterscheidbar“ für alles rund um Kontrast, Zoom und Abstände. Die Richtlinien selbst sind nicht prüfbar, sie sortieren nur.
- 86 Erfolgskriterien sind die eigentlichen, einzeln testbaren Anforderungen. Jedes Kriterium hat eine Konformitätsstufe: 31 auf Stufe A, 24 auf AA, 31 auf AAA.
Die Nummer eines Kriteriums kodiert diese Hierarchie: Prinzip.Richtlinie.Kriterium – 1.4.3 ist also das dritte Kriterium der vierten Richtlinie im ersten Prinzip. Das erklärt auch die Lücken in den Tabellen unten: Wo eine Nummer fehlt (etwa 1.4.6 bis 1.4.9), liegt ein AAA-Kriterium, das rechtlich nicht gefordert ist. Die Nummern bleiben über Versionen hinweg stabil – neue Kriterien werden hinten angehängt, deshalb springt Richtlinie 1.4 von 1.4.5 direkt auf 1.4.10.
So verteilen sich die 55 A/AA-Kriterien auf die 13 Richtlinien:
| Richtlinie | Worum es geht | A/AA-Kriterien |
|---|---|---|
| 1.1 Textalternativen | Text-Ersatz für Bilder, Icons, Diagramme | 1 |
| 1.2 Zeitbasierte Medien | Untertitel, Audiodeskription, Transkripte | 5 |
| 1.3 Anpassbar | Struktur und Semantik statt reiner Optik | 5 |
| 1.4 Unterscheidbar | Kontrast, Zoom, Abstände, Farbe | 9 |
| 2.1 Per Tastatur zugänglich | Alles ohne Maus bedienbar | 3 |
| 2.2 Ausreichend Zeit | Zeitlimits steuerbar machen | 2 |
| 2.3 Anfälle und körperliche Reaktionen | Kein gefährliches Blitzen | 1 |
| 2.4 Navigierbar | Orientierung: Titel, Fokus, Überschriften, Links | 8 |
| 2.5 Eingabemodalitäten | Touch, Gesten, Zielgrößen, Bewegung | 6 |
| 3.1 Lesbar | Sprachauszeichnung | 2 |
| 3.2 Vorhersehbar | Keine Überraschungen bei Fokus und Eingabe | 5 |
| 3.3 Hilfestellung bei der Eingabe | Formulare: Labels, Fehler, Authentifizierung | 6 |
| 4.1 Kompatibel | Verlässliche Schnittstelle zu assistiven Technologien | 2 |
Von WCAG 2.1 zu 2.2: Was neu ist
WCAG 2.2 ist seit Oktober 2023 die aktuelle W3C-Empfehlung. Gegenüber 2.1 hat sich Folgendes geändert:
- Neun neue Erfolgskriterien kamen hinzu – zwei auf Stufe A, vier auf AA, drei auf AAA. Für die Praxis relevant sind die sechs auf A und AA: 2.4.11 Fokus nicht verdeckt, 2.5.7 Ziehbewegungen, 2.5.8 Zielgröße (Minimum), 3.2.6 Konsistente Hilfe, 3.3.7 Redundante Eingabe und 3.3.8 Zugängliche Authentifizierung.
- Drei Schwerpunkte stecken hinter den Neuerungen: sichtbarer Tastaturfokus, einfachere Bedienung per Maus und Touch (Ziehbewegungen, Mindest-Zielgrößen) und kognitive Entlastung (konsistente Hilfe, keine doppelten Eingaben, Login ohne Merk- und Abtipp-Zwang).
- 4.1.1 „Parsing“ wurde gestrichen – als einziges Kriterium in der Geschichte der WCAG. Mehr dazu unter Prinzip 4.
- Abwärtskompatibilität: Wer WCAG 2.2 erfüllt, erfüllt automatisch auch 2.1 und 2.0. Umgekehrt gilt das nicht – deshalb lohnt es sich, direkt gegen 2.2 zu arbeiten.
Rechtlich ist die Lage etwas hinterher: Die harmonisierte EN 301 549 verweist (Stand Juli 2026) noch auf WCAG 2.1 AA. Die sechs neuen A/AA-Kriterien sind also formal noch nicht Pflicht – aber absehbar die nächste Messlatte, durchweg günstig umzusetzen und in dieser Referenz bereits vollständig enthalten.
Die 55 Kriterien im Überblick
Lesehilfe: Stufe A = Grundanforderungen, ohne die Gruppen von Nutzern komplett ausgeschlossen werden. Stufe AA = der gesetzliche Zielwert in Deutschland und der EU. Die sechs mit 2.2 markierten Kriterien sind neu in WCAG 2.2 – sie sind (Stand Juli 2026) noch nicht Teil der harmonisierten EN 301 549, aber absehbar die nächste Messlatte und durchweg günstig umzusetzen. Die drei übrigen neuen Kriterien liegen auf Stufe AAA und fehlen hier deshalb.
Die Verteilung auf die vier Prinzipien ist dabei alles andere als gleichmäßig:
Prinzip 1: Wahrnehmbar
Informationen müssen so dargestellt werden, dass alle sie wahrnehmen können – ob sehend, hörend oder tastend. Mit 20 Kriterien (9 × A, 11 × AA) das umfangreichste Prinzip; die Schwerpunkte sind Alternativen (Text statt Bild, Untertitel statt Ton) und Darstellung (Kontrast, Zoom, Abstände).
| Nr. | Kriterium | Stufe |
|---|---|---|
| 1.1.1 | Nicht-Text-Inhalte | A |
| 1.2.1 | Nur-Audio & Nur-Video (aufgezeichnet) | A |
| 1.2.2 | Untertitel (aufgezeichnet) | A |
| 1.2.3 | Audiodeskription oder Medienalternative | A |
| 1.2.4 | Untertitel (live) | AA |
| 1.2.5 | Audiodeskription (aufgezeichnet) | AA |
| 1.3.1 | Info und Beziehungen | A |
| 1.3.2 | Bedeutungstragende Reihenfolge | A |
| 1.3.3 | Sensorische Eigenschaften | A |
| 1.3.4 | Ausrichtung | AA |
| 1.3.5 | Eingabezweck bestimmen | AA |
| 1.4.1 | Benutzung von Farbe | A |
| 1.4.2 | Audio-Steuerelement | A |
| 1.4.3 | Kontrast (Minimum) | AA |
| 1.4.4 | Textgröße ändern | AA |
| 1.4.5 | Bilder von Text | AA |
| 1.4.10 | Reflow (Umbruch) | AA |
| 1.4.11 | Nicht-Text-Kontrast | AA |
| 1.4.12 | Textabstände | AA |
| 1.4.13 | Inhalt bei Hover oder Fokus | AA |
Prinzip 2: Bedienbar
Alle Funktionen müssen sich bedienen lassen – ohne Maus, ohne Zeitdruck, ohne Präzisionszwang. Ebenfalls 20 Kriterien, aber mit umgekehrtem Schwerpunkt (14 × A, 6 × AA): Hier sitzen die härtesten Ausschlusskriterien wie Tastaturbedienbarkeit und Tastaturfallen – und drei der sechs neuen 2.2-Kriterien.
| Nr. | Kriterium | Stufe |
|---|---|---|
| 2.1.1 | Tastatur | A |
| 2.1.2 | Keine Tastaturfalle | A |
| 2.1.4 | Tastenkürzel | A |
| 2.2.1 | Zeitbegrenzungen anpassbar | A |
| 2.2.2 | Pausieren, beenden, ausblenden | A |
| 2.3.1 | Grenzwert von drei Blitzen | A |
| 2.4.1 | Blöcke umgehen | A |
| 2.4.2 | Seitentitel | A |
| 2.4.3 | Fokus-Reihenfolge | A |
| 2.4.4 | Linkzweck (im Kontext) | A |
| 2.4.5 | Verschiedene Methoden | AA |
| 2.4.6 | Überschriften und Beschriftungen | AA |
| 2.4.7 | Fokus sichtbar | AA |
| 2.4.11 | Fokus nicht verdeckt (Minimum) | AA · 2.2 |
| 2.5.1 | Zeigergesten | A |
| 2.5.2 | Zeiger-Abbruch | A |
| 2.5.3 | Beschriftung im Namen | A |
| 2.5.4 | Betätigung durch Bewegung | A |
| 2.5.7 | Ziehbewegungen | AA · 2.2 |
| 2.5.8 | Zielgröße (Minimum) | AA · 2.2 |
Prinzip 3: Verständlich
Inhalte und Bedienung müssen verständlich und vorhersehbar sein – besonders wichtig bei kognitiven Einschränkungen. 13 Kriterien (7 × A, 6 × AA), gut die Hälfte davon dreht sich um Formulare – von der Beschriftung bis zur Fehlermeldung.
| Nr. | Kriterium | Stufe |
|---|---|---|
| 3.1.1 | Sprache der Seite | A |
| 3.1.2 | Sprache von Teilen | AA |
| 3.2.1 | Bei Fokus | A |
| 3.2.2 | Bei Eingabe | A |
| 3.2.3 | Konsistente Navigation | AA |
| 3.2.4 | Konsistente Erkennung | AA |
| 3.2.6 | Konsistente Hilfe | A · 2.2 |
| 3.3.1 | Fehlererkennung | A |
| 3.3.2 | Beschriftungen oder Anweisungen | A |
| 3.3.3 | Fehlervorschlag | AA |
| 3.3.4 | Fehlervermeidung (rechtlich, finanziell, Daten) | AA |
| 3.3.7 | Redundante Eingabe | A · 2.2 |
| 3.3.8 | Zugängliche Authentifizierung (Minimum) | AA · 2.2 |
Prinzip 4: Robust
Inhalte müssen von möglichst vielen Programmen – Browsern wie assistiven Technologien – zuverlässig interpretiert werden können. Nur 2 Kriterien (1 × A, 1 × AA) – aber 4.1.2 ist in der Praxis eines der meistverletzten überhaupt, weil jede selbstgebaute Komponente daran gemessen wird.
| Nr. | Kriterium | Stufe |
|---|---|---|
| 4.1.2 | Name, Rolle, Wert | A |
| 4.1.3 | Statusmeldungen | AA |
Falls du 4.1.1 „Parsing“ suchst: Das Kriterium wurde in WCAG 2.2 gestrichen – valides Markup bleibt trotzdem gute Praxis, und was frühere Parsing-Fehler betraf, fangen heute 1.3.1 und 4.1.2 auf.
Wie du mit der Referenz arbeitest
Der typische Weg führt vom Befund zur Nummer zur Lösung:
- Befund einsammeln. Ein Tool-Scan oder ein manueller Durchgang (Anleitung: Barrierefreiheit selbst testen) liefert Befunde – und praktisch jeder Befund trägt eine Kriteriums-Nummer. axe nennt sie in der Regel-Beschreibung (die Regel „color-contrast“ verweist auf 1.4.3), Lighthouse nutzt unter der Haube dieselben axe-Regeln, WAVE zeigt die Zuordnung im Detail-Panel.
- Nummer hier nachschlagen. Die Kriteriumsseite erklärt, was wirklich gefordert ist – oft weniger, als der Tool-Text vermuten lässt, manchmal mehr. Dazu richtig/falsch-Code und eine Testanleitung, mit der du den Fix verifizierst.
- Umsetzen. Jede Referenzseite verlinkt die passenden Komponenten-Anleitungen und Grundlagen – vom korrekten Formular-Label bis zum barrierefreien Modal.
Fürs Management gilt der umgekehrte Einstieg: Was rechtlich zählt, ordnen BFSG und BITV ein; die Stufenlogik erklärt Konformitätsstufen; für den formalen Nachweis gibt es den BITV-Test.
Randnotiz – Prüfschritt 9.1.4.3? Wenn dir ein BITV-Test- oder EN-301-549-Bericht Nummern wie 9.1.4.3 liefert: Kapitel 9 der EN 301 549 übernimmt die WCAG-Kriterien eins zu eins für Websites. Streich die führende 9, und du landest bei 1.4.3 Kontrast (Minimum) – genau der Nummer, die du hier nachschlägst.
Was Tools automatisch finden – und was nicht
axe, Lighthouse und WAVE sind unverzichtbar, aber sie prüfen nur einen Teil der 55 Kriterien vollständig. Gängige Schätzungen – auch von der W3C-eigenen WAI-Initiative zitiert – liegen bei etwa 30 bis 40 Prozent der Probleme, die sich automatisiert erkennen lassen. Der Rest braucht Augen, Tastatur und Urteilsvermögen:
| Prüfbarkeit | Typische Befunde | Kriterien (Auswahl) |
|---|---|---|
| Zuverlässig automatisch | Fehlendes alt-Attribut, Textkontrast unter 4,5:1, fehlendes lang, Formularfeld ohne Label, fehlender Seitentitel, kaputte ARIA-Referenzen |
1.1.1, 1.4.3, 3.1.1, 3.3.2, 2.4.2, 4.1.2 |
| Teilweise automatisch | Übersprungene Überschriftenebenen, nichtssagende Linktexte, blockierter Zoom | 1.3.1, 2.4.4, 1.4.4 |
| Nur manuell | Qualität von Alt-Texten und Untertiteln, Fokus-Reihenfolge, Tastaturfallen, Alternativen zu Ziehbewegungen, konsistente Hilfe, brauchbare Fehlervorschläge, Statusmeldungen | 1.1.1 (Qualität), 1.2.2, 2.4.3, 2.1.2, 2.5.7, 3.2.6, 3.3.3, 4.1.3 |
Das klassische Beispiel für die Grenze der Automatisierung ist der Alt-Text:
<!-- Das findet jedes Tool: alt fehlt komplett (Verstoß gegen 1.1.1) -->
<img src="team.jpg">
<!-- Das findet kein Tool: alt vorhanden, aber nutzlos (ebenfalls 1.1.1) -->
<img src="team.jpg" alt="IMG_4821.jpg">
<!-- Richtig: beschreibt, was für den Kontext zählt -->
<img src="team.jpg" alt="Das fünfköpfige Team vor dem Büro in Köln">
Ein Tool sieht nur, dass ein Attribut da ist – nicht, ob es etwas taugt. Deshalb ist ein leerer axe-Report kein Konformitätsnachweis, sondern der Startpunkt für die manuelle Prüfung. Welche Tools sich wofür eignen, sortiert die Tool-Übersicht; die beiden wichtigsten manuellen Tests – Tastatur-Durchgang und Screenreader – zeigen Tastatur & Fokus und der Selbst-Test-Guide Schritt für Schritt.
Konformität heißt: ganze Seiten, ganze Prozesse
Alle 55 Kriterien abzuhaken reicht formal noch nicht – die WCAG knüpfen Konformität an fünf Bedingungen, die in Audits gern übersehen werden:
- Vollständige Stufe: Für AA-Konformität müssen alle A- und AA-Kriterien erfüllt sein – A ist im AA-Ziel immer enthalten.
- Ganze Seiten: Konformität gilt nur für komplette Seiten. Ein barrierefreier Inhaltsbereich neben einem unbedienbaren Cookie-Banner bedeutet: nicht konform.
- Vollständige Prozesse: Gehört eine Seite zu einem Ablauf (etwa einem Checkout), müssen alle Schritte des Ablaufs konform sein – der beste Warenkorb nützt nichts, wenn die Bezahlseite ausschließt.
- Zulässige Technik-Nutzung: Techniken müssen so eingesetzt werden, dass assistive Technologien sie unterstützen.
- Nichtbeeinträchtigung: Auch nicht-konforme Zusatzinhalte dürfen die Nutzung der Seite nicht blockieren – kein Blitzen, keine Tastaturfalle, kein automatisch startendes Audio.
Gerade die Prozess-Bedingung ändert die Prüfstrategie: Statt der Startseite plus Stichproben prüfst du die kritischen Nutzerwege von Anfang bis Ende.
Häufige Fehler
- Nur die Startseite prüfen. Konformität gilt je Seite und für komplette Prozesse. Die Startseite ist oft die gepflegteste Seite der Website – die Probleme sitzen in Formularen, im Checkout, im Login.
- Einen leeren Tool-Report mit Konformität verwechseln. Automatisierte Prüfungen decken grob ein Drittel ab. Die WebAIM-Million-Analyse findet trotzdem Jahr für Jahr auf rund 96 Prozent von einer Million untersuchter Startseiten automatisiert erkennbare Fehler – es scheitert also meist schon am maschinell Prüfbaren, aber der Umkehrschluss gilt nicht.
- Mit veralteten Checklisten arbeiten. Wer noch 4.1.1 „Parsing“ prüft oder die sechs neuen 2.2-Kriterien nicht kennt, arbeitet gegen den falschen Katalog. Prüfe, auf welche Version sich deine Checkliste bezieht.
- Kriterien isoliert abarbeiten. Viele Befunde haben dieselbe Ursache: fehlende Semantik. Ein korrekt ausgezeichnetes Formular erledigt Befunde zu 1.3.1, 3.3.2 und 4.1.2 auf einen Schlag – semantisches HTML ist die effizienteste Sammelmaßnahme.
- Nicht anwendbare Kriterien als offene Baustellen führen. Keine Videos? Dann sind 1.2.1 bis 1.2.5 erfüllt, nicht „offen“. Wer das sauber dokumentiert, macht aus 55 Kriterien schnell eine deutlich kürzere Arbeitsliste.
- Deutsche und englische Titel durcheinanderbringen. Audit-Berichte und internationale Quellen nutzen die englischen Originaltitel („Target Size“ statt „Zielgröße“). Jede Kriteriumsseite hier nennt beide – so gehen Zuordnungen nicht verloren.
Häufige Fragen
Wie viele Erfolgskriterien hat WCAG 2.2 insgesamt?
86 Kriterien auf drei Stufen: 31 auf Stufe A, 24 auf AA und 31 auf AAA. Rechtlich gefordert sind in Deutschland und der EU die Stufen A und AA – zusammen die 55 Kriterien dieser Referenz. Die AAA-Kriterien sind ausdrücklich nicht als genereller Standard gedacht, weil sie nicht für alle Inhalte erfüllbar sind.
Muss ich wirklich alle 55 Kriterien erfüllen?
Für AA-Konformität: ja – es gibt keine Teilpunkte und keine „Gewichtung“. Praktisch schrumpft die Liste aber deutlich, weil Kriterien, die auf deine Inhalte nicht zutreffen, als erfüllt gelten: Ohne Video entfallen fünf Medien-Kriterien, ohne Zeitlimits 2.2.1, ohne Tastenkürzel 2.1.4. Eine inhaltsarme Website hat real oft nur mit 30 bis 40 Kriterien zu tun.
Gilt rechtlich WCAG 2.1 oder 2.2?
Die harmonisierte EN 301 549 – auf die BITV und die BFSG-Praxis verweisen – nennt derzeit WCAG 2.1 AA. Da WCAG 2.2 abwärtskompatibel ist, fährst du mit 2.2 als Arbeitsgrundlage trotzdem richtig: Du erfüllst damit automatisch die 2.1-Anforderungen und bist vorbereitet, wenn die Norm nachzieht. Details zur Rechtskette: EU-Recht, EAA & EN 301 549.
Warum fehlen in den Tabellen Nummern wie 1.4.6 oder 2.4.8?
Das sind AAA-Kriterien (z. B. 1.4.6 „Kontrast erweitert“), die rechtlich nicht gefordert sind und deshalb in dieser A/AA-Referenz fehlen. Die Nummern bleiben über WCAG-Versionen stabil, Lücken entstehen auch, weil neue Kriterien hinten angehängt werden. Einzige echte Streichung: 4.1.1.
In welcher Reihenfolge arbeite ich die Kriterien am besten ab?
Ich empfehle in Audits immer dieselbe Reihenfolge: erst die automatisiert findbaren Massenfehler (Kontrast, Alt-Texte, Labels, lang), dann der komplette Tastatur-Durchgang (2.1.1, 2.4.3, 2.4.7), dann Formulare inklusive Fehlermeldungen (3.3.x), zuletzt Medien und Spezialfälle. So beseitigst du mit den ersten zwei Runden die Fehler, die die meisten Nutzer betreffen.
Reicht die Referenz, oder brauche ich das W3C-Original?
Für die Umsetzung reicht diese Referenz – sie ist dafür gemacht. Normativ, also im Streitfall maßgeblich, ist allein die englische Originalfassung des W3C. Wenn du tiefer einsteigen willst, ist der offizielle Quick Reference „How to Meet WCAG 2.2“ der beste Einstiegspunkt: alle Kriterien mit Techniken und Failures, filterbar nach Stufe und Technologie.
Fazit
55 Kriterien klingen nach viel – aber sie folgen vier einfachen Prinzipien, verteilen sich auf nur 13 Themenfelder, und die meisten erfüllt sauberes, semantisches HTML von allein. Merk dir die Struktur (Prinzip.Richtlinie.Kriterium), nutze die Tabellen oben als Sprungbrett und prüfe ganze Nutzerwege statt einzelner Vorzeigeseiten. Zum Systemverständnis: POUR; zum Testen: Selbst-Test und BITV-Test; zum Abhaken: die Checklisten.
Quellen
- WCAG 2.2 – W3C-Empfehlung (normative Originalfassung)
- What's New in WCAG 2.2 – W3C WAI zu den neuen Kriterien
- How to Meet WCAG 2.2 (Quick Reference) – filterbare Kriterien-Übersicht des W3C
- EN 301 549 V3.2.1 – harmonisierte Norm mit WCAG-Verweis (PDF)