WCAG & BFSG: WCAG verstehen

WCAG-Zertifizierung: welche Nachweise zählen

Eine WCAG-Zertifizierung läuft über die dokumentierte Prüfung durch eine unabhängige Stelle: als BIK BITV-Test mit Prüfzeichen, als WACA-Zertifikat in Gold, Silber oder Bronze, als TÜV-Prüfung nach EN 301 549 oder als freies Audit mit Prüfbericht. Der Maßstab ist bei allen derselbe. Er besteht aus den WCAG-Erfolgskriterien der Stufen A und AA. Das W3C veröffentlicht den Standard und überlässt Prüfungen und Zertifikate unabhängigen Prüfstellen.

Nach einem WCAG-Zertifikat wird meist aus drei Anlässen gesucht: Eine Ausschreibung verlangt einen Nachweis, das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz macht Barrierefreiheit zur Pflicht, oder ein Unternehmen will die geleistete Arbeit nach außen zeigen. Diese Seite ordnet die Zertifikate, Prüfzeichen und Siegel ein, beschreibt den Weg von der ersten Prüfung zum fertigen Nachweis und nennt die Kosten, die dabei anfallen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Ein WCAG-Zertifikat bestätigt die Konformität einer Website mit allen Erfolgskriterien einer Stufe, in der Praxis WCAG 2.1 oder 2.2 auf Stufe AA.
  • Ausgestellt wird es von unabhängigen Prüfstellen. Das W3C prüft selbst keine Websites und beschreibt als Nachweisform die Konformitätserklärung des Anbieters.
  • Der BIK BITV-Test ist das verbreitetste deutsche Prüfverfahren: 98 Prüfschritte, verpflichtende Zweitprüfung und bei voller Erfüllung das Prüfzeichen „BIK BITV-konform“.
  • Das WACA-Zertifikat aus Österreich prüft nach WCAG 2.2 AA und vergibt Gold, Silber oder Bronze. Stand September 2026 kostet es je nach Umfang 1.900 bis 8.000 Euro netto und gilt drei Jahre.
  • TÜV-Gesellschaften zertifizieren nach EN 301 549, auch Apps und Software.
  • Ein freies Audit mit Prüfbericht ist der flexibelste Nachweis. Für die Barrierefreiheitserklärung und viele Vergabeverfahren reicht er aus.
  • Für Fachleute gibt es Zertifizierungen der Person: CPACC und WAS der IAAP.

Abgrenzung: Standard und Gesetz. Diese Seite vergleicht Zertifikate und Siegel nach dem technischen Standard WCAG. Was davon vor dem deutschen Gesetz zählt, samt Konformitätserklärung und CE-Regeln, steht unter BFSG-Zertifizierung. Wo deine Website heute steht, klärt kostenlos die BFSG-Prüfung mit 16 Fragen.

Was ein WCAG-Zertifikat bestätigt

Die WCAG kennen drei Konformitätsstufen A, AA und AAA. Konform ist eine Seite erst, wenn sie alle Kriterien der angestrebten Stufe erfüllt, und zwar auf jeder geprüften Seite und in jedem geprüften Ablauf. Teilpunkte gibt es dabei keine. Genau diese Alles-oder-nichts-Logik macht ein ernst gemeintes Zertifikat wertvoll und eine oberflächliche Plakette wertlos.

Die Rollen sind dabei klar verteilt: Das W3C entwickelt den Standard, veröffentlicht die 55 Erfolgskriterien der Stufen A und AA und definiert in den Konformitätsbedingungen, wie eine Konformitätserklärung aufgebaut ist. Die Prüfung im Markt übernehmen unabhängige Stellen mit eigenen Verfahren und eigenen Prüfzeichen. Deshalb begegnen dir mehrere Zertifikatsnamen über einem gemeinsamen Maßstab.

Für jede Aussage zur Konformität gilt: Sie braucht Version und Stufe. „Konform mit WCAG 2.2, Stufe AA“ ist eine prüfbare Angabe. „WCAG-zertifiziert“ ohne beides ist ein Werbetext.

WCAG-Zertifikate und Siegel im Vergleich

Stand September 2026 sind das die etablierten Nachweise im deutschsprachigen Raum:

Nachweis Herkunft Verfahren Ergebnis
BIK BITV-Test (Web) Deutschland, BIK-Prüfverbund 98 Prüfschritte gegen die EN 301 549 mit externer Zweitprüfung Prüfbericht und bei voller Erfüllung das Prüfzeichen „BIK BITV-konform“
WACA-Zertifikat Österreich, WACA mit TÜV Austria Audit nach WCAG 2.2 AA samt Zufallsstichprobe und jährlichen Kontrollaudits Zertifikat in Gold, Silber oder Bronze mit dynamischem Label
TÜV-Zertifikat Deutschland, etwa TÜV SÜD Prüfung nach EN 301 549 Zertifikat und Prüfzeichen des Prüfdienstleisters
„Zugang für alle“ Schweiz, Stiftung „Zugang für alle“ Expertenprüfung nach WCAG Zertifikat der Stiftung
Freies WCAG-Audit anbieterunabhängig manuelle Prüfung mit frei vereinbartem Umfang Prüfbericht mit priorisierter Maßnahmenliste
ACR auf VPAT-Basis international, Vorlage des ITI Selbstauskunft mit dokumentierten Testergebnissen Accessibility Conformance Report für Beschaffungen

Der BIK BITV-Test ist in Deutschland der Nachweis mit dem größten Gewicht, weil sein Verfahren öffentlich dokumentiert ist und jede Prüfung durch eine zweite, unabhängige Person abgesichert wird. Ablauf, Prüfschritte und Kosten des BITV-Tests habe ich auf einer eigenen Seite beschrieben, samt der Abgrenzung zum VPAT.

Das WACA-Zertifikat ist das erste unabhängige Web-Zertifikat im europäischen Raum und für deutsch- und englischsprachige Websites gedacht. Geprüft wird nach WCAG 2.2 AA. Die Preisstaffel richtet sich nach der Zahl der auditierten Seiten: Stand September 2026 kosten bis zu 5 Seiten 1.900 Euro netto, 6 bis 10 Seiten 4.000 Euro und 11 bis 20 Seiten 8.000 Euro. Das Zertifikat gilt drei Jahre, zwei kurze Kontrollaudits sind enthalten, die Urkunde stellt die TÜV Trust IT der TÜV Austria Group aus. Das eingebundene Label zeigt den aktuellen Status und enthält einen Meldeweg für Beanstandungen.

TÜV-Zertifikate nach EN 301 549 spielen ihre Stärke bei Software, Apps und Selbstbedienungsterminals aus, wo ein reiner Web-Test zu kurz greift.

So läuft die WCAG-Prüfung ab

Der Weg zum Zertifikat ist bei allen Anbietern ähnlich und besteht aus vier Schritten:

  1. Eigenprüfung. Mit automatischen Tools und manuellen Checks findest du die offensichtlichen Barrieren selbst. Jede hier behobene Barriere senkt die spätere Prüfzeit.
  2. Behebung der Befunde. Die häufigsten Durchfaller sind messbar: das Kontrast-Minimum aus Kriterium 1.4.3, fehlende Beschriftungen und Tastaturfallen.
  3. Prüfung durch die Stelle. Die Prüfstelle wählt eine repräsentative Seitenauswahl, bei WACA ergänzt um eine Zufallsstichprobe, und testet vollständige Abläufe wie Login oder Checkout von Anfang bis Ende.
  4. Nachweis veröffentlichen. Prüfbericht, Prüfzeichen oder Label kommen auf die Website, die Ergebnisse in die Barrierefreiheitserklärung.

Jedes Ergebnis bezieht sich auf den geprüften Stand. Ein Relaunch, ein neues Template oder ein zusätzliches Widget verändern die Grundlage. Seriöse Anbieter verlangen deshalb eine Meldung größerer Umbauten und begrenzen die Gültigkeit.

Audit oder Zertifikat: was du wofür brauchst

Anlass Passender Nachweis
Öffentliche Ausschreibung BITV-Test oder gleichwertiges dokumentiertes Verfahren
Pflicht nach dem BFSG aktueller Prüfbericht plus Erklärung nach § 14 BFSG
Außenwirkung und Vertrauen WACA- oder TÜV-Zertifikat mit sichtbarem Label
Laufende Entwicklung freies Audit mit priorisierter Maßnahmenliste
Internationale Software-Beschaffung ACR auf VPAT-Basis

Im Einkauf und in der Vergabe zählt die Nachvollziehbarkeit mehr als der Name des Siegels: Ein Bericht, der je Befund Seite, Kriterium und Status nennt, schlägt jede Plakette. Formulierungshilfen für die Anforderungsseite stehen im Lastenheft-Leitfaden mit Abnahmekriterien. Für die reine Pflichterfüllung nach dem BFSG wiederum brauchst du kein bestimmtes Siegel. Welche Unterlagen dort zählen, steht in der Übersicht der Nachweise für die BFSG-Zertifizierung.

Woran du ein seriöses Siegel erkennst

Der Markt wächst, und mit ihm die Zahl der Plaketten. Diese Merkmale trennen belastbare Zertifikate von Dekoration:

  • Veröffentlichtes Prüfverfahren. Beim BITV-Test kannst du jeden der 98 Prüfschritte nachlesen. Ein Siegel ohne einsehbare Methodik ist eine Behauptung.
  • Version, Stufe und Prüfdatum stehen auf dem Zertifikat oder im verlinkten Bericht.
  • Eine benannte, unabhängige Prüfstelle hat getestet. Selbstvergebene Siegel des Website-Betreibers zählen nirgends.
  • Ein Meldeweg existiert, über den Beanstandungen die Zertifizierungsstelle erreichen.
  • Befristete Gültigkeit mit Kontrollaudits oder Re-Zertifizierung.

Zurückhaltung empfehle ich bei Badges, die ein eingebautes Skript vergibt: Barrierefreiheits-Overlays versprechen Konformität per Einbindung, und genau diese Versprechen halten Prüfungen regelmäßig nicht stand. Vorsicht gilt auch bei Prozentwerten wie „95 Prozent barrierefrei“: Der BITV-Test hat sein Punktesystem 2019 abgeschafft, weil Konformität keine Teilnoten kennt.

WCAG-Zertifizierung für Personen

Neben der Website lässt sich auch Fachwissen zertifizieren. Die IAAP (International Association of Accessibility Professionals) vergibt das Grundlagen-Zertifikat CPACC und das technische Zertifikat WAS (Web Accessibility Specialist); im deutschsprachigen Raum organisiert das der Ableger IAAP D-A-CH. Wer beruflich prüfen will, kann sich zusätzlich im BIK-Prüfverbund zur BITV-Prüferin oder zum BITV-Prüfer schulen lassen. Für Teams, die Barrierefreiheit dauerhaft verankern, ist eine zertifizierte Person im Haus oft wirksamer als jedes externe Siegel.

Was eine WCAG-Zertifizierung kostet

Die Preise folgen dem Prüfumfang, also der Zahl der Seitentypen und Abläufe. Als Anhaltspunkte, Stand September 2026: Das Rechenbeispiel von BIK nennt für sieben Seiten rund 4.200 Euro netto plus Grundgebühr. WACA staffelt von 1.900 Euro (bis 5 Seiten) bis 8.000 Euro (11 bis 20 Seiten). Freie Audits liegen nach meiner Erfahrung darunter, liefern dafür kein Prüfzeichen. Den Aufwand je Prüfstufe in Personentagen und eine Checkliste für vergleichbare Angebote habe ich gesondert aufgeschlüsselt. Den größten Hebel hast du selbst: Je gründlicher die Eigenprüfung, desto kürzer und günstiger die Zertifizierung.

Häufige Fragen

Gibt es ein offizielles WCAG-Zertifikat?

Als offizielle Nachweise gelten die Zertifikate unabhängiger Prüfstellen, etwa das Prüfzeichen „BIK BITV-konform“, das WACA-Zertifikat oder TÜV-Zertifikate nach EN 301 549. Das W3C als Herausgeber der WCAG vergibt selbst keine Zertifikate und verweist für Konformitätsaussagen auf die Erklärung des Anbieters. Ein einzelnes, weltweit einheitliches WCAG-Siegel existiert deshalb in Form dieser Prüfstellen-Zertifikate.

Was kostet eine WCAG-Zertifizierung?

Stand September 2026 liegen die Einstiegspreise bei etwa 1.900 Euro netto für kleine Websites (WACA, bis 5 auditierte Seiten). Das BIK-Rechenbeispiel nennt rund 4.200 Euro netto für sieben Seiten plus Grundgebühr. Komplexe Anwendungen mit Login, Checkout und vielen Seitentypen kosten mehr, weil jeder Ablauf vollständig geprüft wird. Freie Audits ohne Prüfzeichen sind meist günstiger.

Wie lange ist ein WCAG-Zertifikat gültig?

Das WACA-Zertifikat gilt drei Jahre und wird durch zwei jährliche Kontrollaudits abgesichert. Ein BITV-Prüfbericht dokumentiert den geprüften Stand ohne formales Ablaufdatum. Praktisch endet seine Aussagekraft mit der nächsten größeren Änderung der Website. Deshalb gehört zu jedem Nachweis ein Prüfdatum, und ein Relaunch macht eine neue Prüfung nötig.

Wer darf eine WCAG-Prüfung durchführen?

Ein Audit mit Prüfbericht darf jede fachkundige Person durchführen, denn die WCAG-Kriterien und die Testregeln sind offen dokumentiert. Prüfzeichen wie „BIK BITV-konform“ vergeben ausschließlich die Prüfstellen des jeweiligen Verbunds mit externer Qualitätssicherung. Personen-Zertifikate wie CPACC und WAS belegen die Qualifikation der Prüfenden und werden in Ausschreibungen zunehmend genannt.

Reicht ein automatisches Tool für ein Zertifikat?

Automatische Werkzeuge finden nur einen Teil der Barrieren, Schätzungen reichen von einem Viertel bis zur Hälfte. Sie prüfen, ob ein Attribut vorhanden ist. Ob sein Inhalt stimmt, beurteilt ein Mensch mit Tastatur und Screenreader. Jedes ernst gemeinte Zertifikat beruht deshalb auf manueller Prüfung, und ein Siegel allein auf Scanner-Basis ist ein Warnsignal.

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Kein Rechtsrat. Diese Seite ordnet Zertifikate und Prüfverfahren aus der Praxis ein und ersetzt keine rechtliche Beratung, etwa zu Vergaberecht oder Werbeaussagen. Für verbindliche Auskünfte hilft eine fachkundige Stelle.

Quellen

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