WCAG & BFSG · Screenreader-Anleitungen
Mit JAWS testen: Einrichtung, Befehle, Testrezept
JAWS ist der meistgenutzte Screenreader in Unternehmen und Behörden und kostenpflichtig – testen lässt er sich trotzdem ohne Lizenz: Im Demomodus läuft er 40 Minuten pro Windows-Neustart, unbegrenzt oft. Entscheidend für einen brauchbaren Test sind zwei Dinge: der Unterschied zwischen Virtuellem Cursor und Formularmodus und die Schnellnavigationstasten H, F, T und R, mit denen JAWS-Nutzende eine Seite tatsächlich durchqueren.
Wer nur einen Windows-Screenreader testen kann, sollte NVDA nehmen: kostenlos, verbreitet und im Verhalten nah genug. JAWS lohnt zusätzlich, wenn deine Zielgruppe in Behörden oder großen Unternehmen sitzt – dort ist es oft der einzige zugelassene Screenreader, und einige Befunde treten nur hier auf. Was ein Screenreader grundsätzlich „sieht“, erklärt Screenreader-Grundlagen.
Das Wichtigste in Kürze
- JAWS von Freedom Scientific ist kostenpflichtig, läuft aber im Demomodus 40 Minuten je Windows-Neustart – für einen Prüfdurchlauf reicht das.
- Die JAWS-Taste ist standardmäßig Einfügen.
Strgstoppt die Sprachausgabe sofort. - Virtueller Cursor (Einzeltasten navigieren) und Formularmodus (Tasten gehen an die Seite) sind die zwei Modi; JAWS wechselt meist automatisch.
- Schnellnavigation:
HÜberschriften,FFormularfelder,TTabellen,RRegionen,BSchaltflächen,KLinks – mit Umschalt rückwärts. Einfügen+F6,Einfügen+F7undEinfügen+F5listen Überschriften, Links und Formularfelder: der schnellste Strukturcheck.- Stand August 2026: JAWS liegt in der WebAIM-Nutzerbefragung bei rund 40 % als primärer Screenreader, meist zusammen mit Chrome.
- JAWS ist nachsichtiger als NVDA und leitet Namen aus Nachbartext ab. Ein Befund, den nur NVDA zeigt, bleibt ein Befund.
Installieren und im Demomodus starten
JAWS wird ausschließlich von freedomscientific.com geladen. Für einen Test brauchst du keine Lizenz: Ohne Freischaltung startet JAWS im Demomodus und läuft 40 Minuten, danach ist ein Windows-Neustart nötig. Der Modus ist vollständig – es fehlt keine Funktion, nur die Zeit ist begrenzt. Für einen strukturierten Durchlauf plane ich deshalb zwei Sitzungen ein: einmal Struktur, einmal Formulare.
Direkt nach dem ersten Start lohnen sich drei Einstellungen:
- Sprechtempo hochziehen (
Einfügen+Strg+S→ Stimmeinstellungen). Die Vorgabe ist für Testzwecke quälend langsam. - Autostart abwählen, sonst redet JAWS bei jedem Systemstart mit.
- Den Fokus sichtbar machen: JAWS zeichnet standardmäßig einen Rahmen um das gerade gelesene Element. Genau den brauchst du beim Testen, um Ansage und Bildschirm zu vergleichen.
Der wichtigste Befehl kommt vor allen anderen: Strg stoppt die Sprachausgabe sofort. Beendet wird JAWS mit Einfügen+F4.
Die JAWS-Taste
Fast alle Befehle nutzen einen Modifikator. Standard ist Einfügen; auf Laptops ohne diese Taste lässt sich im Einstellungscenter zusätzlich die Dauergroßschreibtaste als JAWS-Taste aktivieren. Wer regelmäßig zwischen NVDA und JAWS wechselt, sollte in beiden Programmen dieselbe Taste wählen – das erspart die Hälfte der Verwirrung.
Virtueller Cursor und Formularmodus
Das ist die Hürde, an der Einsteiger scheitern, und sie ist bei JAWS dieselbe wie bei NVDA – nur anders benannt.
Im Virtuellen Cursor (JAWS’ Name für den Lesemodus) baut JAWS aus der Seite ein virtuelles Dokument, durch das du mit Pfeiltasten und Einzeltasten navigierst. H springt zur nächsten Überschrift, F zum nächsten Formularfeld. Die Tasten erreichen die Seite nicht – sie sind Navigationsbefehle.
Im Formularmodus gehen alle Tasten an die Seite, damit man in ein Eingabefeld schreiben kann. JAWS schaltet automatisch um, sobald der Fokus in ein Feld wandert, und kündigt das mit einem Ton an. Manuell wechselst du mit Einfügen+Z.
Warum das beim Testen zählt: Ein selbst gebautes Bedienelement ohne korrekte Rolle bringt JAWS nicht dazu, in den Formularmodus zu schalten. Der Nutzer drückt dann die Leertaste, und statt die Checkbox umzuschalten scrollt die Seite. Das ist kein Screenreader-Fehler, sondern ein fehlendes role beziehungsweise das falsche Element – siehe die erste Regel von ARIA.
Die Befehle, die du wirklich brauchst
| Befehl | Wirkung |
|---|---|
Strg |
Sprachausgabe sofort stoppen |
Einfügen+F6 |
Liste aller Überschriften |
Einfügen+F7 |
Liste aller Links |
Einfügen+F5 |
Liste aller Formularfelder |
Einfügen+Strg+R |
Liste aller Regionen/Landmarken |
H / 1–6 |
nächste Überschrift / Überschrift der Ebene 1–6 |
F |
nächstes Formularfeld |
B |
nächste Schaltfläche |
K |
nächster Link |
T |
nächste Tabelle |
R |
nächste Region (Landmarke) |
G |
nächste Grafik |
Einfügen+F1 |
Was ist das? – Rolle und Zustand des aktuellen Elements |
Einfügen+Z |
zwischen Virtuellem Cursor und Formularmodus wechseln |
Mit Umschalt wird jede Einzeltaste zur Rückwärtsnavigation. Die drei Listenbefehle sind für einen Test am wertvollsten: Sie zeigen die Seite so, wie sie strukturell ist – ohne Layout, ohne Farbe, ohne Reihenfolge-Illusion.
So testest du eine Seite mit JAWS
Ein Durchlauf in 30 Minuten, der in den Demomodus passt:
- Titel prüfen. JAWS liest beim Laden den Seitentitel. Beschreibt er Thema und Website? Das verlangt 2.4.2 Seitentitel.
- Überschriftenliste öffnen (
Einfügen+F6). Ergibt die Folge ein Inhaltsverzeichnis? Fehlt eine H1, springt eine Ebene? Zuständig sind 1.3.1 und 2.4.6. - Regionen durchgehen (
R). Gibt es genau einmain, ist die Navigation als solche erkennbar? Aufbau siehe Landmarks & Dokument-Outline. - Linkliste öffnen (
Einfügen+F7) und laut mitlesen. Mehrfaches „hier“ oder „mehr“ ist ein Verstoß gegen 2.4.4 Linkzweck im Kontext. - Formularfelder abgehen (
F). Jedes Feld muss einen Namen bekommen – fehlt er, fehlt das verknüpfte Label. Absicherung: 4.1.2. - Einen Fehler provozieren. Formular unvollständig absenden: Wird die Fehlermeldung angesagt, oder ändert sich nur die Farbe? Das prüft 3.3.1 Fehlererkennung und 4.1.3 Statusmeldungen.
- Eine Tabelle betreten (
T) und mitStrg+Alt+Pfeiltastendurch die Zellen gehen. JAWS sagt bei korrekten Kopfzellen die zugehörige Spalten- und Zeilenüberschrift mit an – tut es das nicht, fehlenthundscope. - Jeden Befund im Code nachsehen. Erst dann ist er einer.
Wo JAWS und NVDA sich unterscheiden
Der praktisch wichtigste Unterschied: JAWS repariert mehr im Stillen. Es leitet Beschriftungen häufiger aus benachbartem Text oder aus Tabellenzellen ab, wo NVDA schweigt. Für Nutzende ist das komfortabel, für einen Test irreführend – eine Seite, die unter JAWS „funktioniert“, kann unter NVDA und VoiceOver stumm sein.
Daraus folgt eine Regel, die ich in Reviews konsequent anwende: Ein Befund aus dem strengeren Screenreader zählt. Wenn NVDA ein Feld nicht benennt und JAWS schon, ist das ein Markup-Fehler, kein Screenreader-Unterschied.
Zweiter Unterschied: JAWS bringt eigene, umfangreiche Funktionen für Office und PDF mit und ist dort deutlich stärker – wer Office-Dokumente oder PDFs prüft, bekommt hier die realistischere Sicht auf das, was Nutzende in Behörden erleben.
Dritter Unterschied: Die Browserwahl. JAWS wird überwiegend mit Chrome eingesetzt; NVDA verteilt sich stärker auf Chrome und Firefox. Wer beides testet, deckt die üblichen Kombinationen ab – die Verteilung steht unter Screenreader im Überblick.
Die Braillezeile: der Test, der weniger verzeiht
JAWS ist der Screenreader, der am häufigsten mit einer Braillezeile betrieben wird – und wenn eine im Haus ist, lohnt sich ein Durchlauf damit. Der Grund ist nicht Vollständigkeit, sondern Schärfe: Auf der Zeile steht nicht die freundlich formulierte Ansage, sondern eine gekürzte Notation aus Name, Rollenkürzel und Zustand. Alles, was die Sprachausgabe durch Betonung und Pausen kaschiert, steht dort nackt nebeneinander.
Zwei Befundtypen fallen dabei zuverlässig auf, die man beim Zuhören überhört. Erstens zu lange Namen: Ein Button, dessen zugänglicher Name aus drei Sätzen besteht, füllt die gesamte Zeile – gesprochen ist er nur lästig, auf der Zeile blockiert er die Orientierung. Zweitens Zustände, die nicht ankommen: Ein selbst gebautes Akkordeon ohne aria-expanded zeigt auf der Zeile schlicht keinen Zustand, während die Sprachausgabe den umgebenden Text weiterliest und die Lücke damit füllt.
Wer keine Zeile zur Hand hat, bekommt einen Teil davon über den Braille-Betrachter, ein Fenster, das die Zeilenausgabe am Bildschirm mitschreibt. Für einen Test reicht das, um die beiden genannten Muster zu sehen.
Häufiger Fehler in der Praxis
Den Demomodus für eine Einschränkung halten. Er ist vollwertig. Die 40 Minuten sind knapp, aber ein fokussierter Durchlauf passt hinein – und ein Neustart kostet zwei Minuten.
Nur mit JAWS testen und daraus schließen, die Seite sei in Ordnung. Siehe oben: JAWS ist nachsichtig. Der Test mit NVDA ist der härtere und deshalb der aussagekräftigere.
JAWS-Eigenheiten als Befund melden. Dass JAWS Satzzeichen anders ansagt, dass es beim Laden „Virtueller Cursor aktiv“ sagt oder Listenpunkte mit „Aufzählung“ einleitet, ist Programmverhalten und kein Fehler deiner Seite.
Ohne Kopfhörer im Großraum testen. Klingt banal, führt aber zuverlässig dazu, dass der Test nach fünf Minuten abgebrochen wird.
Häufige Fragen
Brauche ich eine Lizenz, um mit JAWS zu testen?
Nein. Der Demomodus läuft 40 Minuten je Windows-Neustart und beliebig oft. Für regelmäßige Tests in einem Unternehmen ist eine Lizenz trotzdem sinnvoll, weil der Neustart-Rhythmus sonst den Arbeitsfluss bestimmt.
Reicht NVDA, oder muss ich zusätzlich JAWS testen?
Für die meisten Websites reicht NVDA – es ist strenger und findet mehr. JAWS lohnt zusätzlich, wenn deine Zielgruppe in Behörden oder großen Unternehmen arbeitet, wo es oft der einzige freigegebene Screenreader ist, oder wenn du Office- und PDF-Workflows prüfst.
Läuft JAWS auf dem Mac?
Nein, JAWS ist ausschließlich für Windows. Auf dem Mac ist VoiceOver vorinstalliert und die richtige Wahl; auf Android TalkBack.
Warum liest JAWS etwas vor, das ich per CSS versteckt habe?
Weil visibility: hidden und display: none das Element aus dem Accessibility Tree entfernen, viele andere Verstecktechniken aber nicht – ein Element, das nur aus dem sichtbaren Bereich geschoben wurde, bleibt lesbar. Welche Technik was bewirkt, steht unter Screenreader-Grundlagen.
Ersetzt ein JAWS-Test einen BITV-Test?
Nein. Ein Screenreader-Durchlauf deckt einen Teil der Prüfschritte ab und ersetzt weder die automatischen Prüfungen noch die manuelle Bewertung. Der BITV-Test nutzt den Screenreader ausdrücklich nur ergänzend.
Verwandte Themen
- Mit NVDA testen – der kostenlose Windows-Test, mit dem ich jedem Team den Einstieg empfehle
- Mit VoiceOver am Mac testen – die Apple-Seite derselben Prüfung
- Mit TalkBack testen – Android, und damit die häufigste mobile Kombination weltweit
- Screenreader-Grundlagen – was ein Screenreader überhaupt auswertet
- Barrierefreiheit selbst testen – wo der Screenreader-Test in den Gesamtablauf gehört
Quellen
- JAWS – Hersteller-Seite mit Download und Demomodus (Freedom Scientific)
- WebAIM Screen Reader User Survey #10 – Verbreitung und Browser-Kombinationen
- WCAG 2.2 – die Kriterien, denen Befunde zugeordnet werden (W3C)
- BITV-Test: Prüfverfahren – Einordnung des Screenreader-Einsatzes in die Prüfung