WCAG & BFSG · Screenreader-Anleitungen
Mit NVDA testen: Einrichtung, Befehle, Testrezept
Mit NVDA testest du kostenlos, wie deine Website für Screenreader-Nutzer funktioniert: Screenreader von nvaccess.org laden, mit Strg+Alt+N starten und die Seite mit Einzeltasten wie H (Überschriften), K (Links) und F (Formularfelder) durchgehen statt mit der Maus. Die Elementliste NVDA+F7 zeigt die Seitenstruktur in Sekunden. Entscheidend sind zwei Dinge: die beiden Modi verstehen – Lesemodus und Fokusmodus – und jeden Befund im Code verifizieren, bevor er als Fehler gemeldet wird.
NVDA ist der Screenreader, mit dem ich jedem Windows-Team den Einstieg empfehle: weit verbreitet, kostenlos, nah genug am kommerziellen JAWS, dass Befunde übertragbar sind. Was ein Screenreader konzeptionell „sieht“, erklärt Screenreader-Grundlagen – hier geht es um die Praxis, von der Installation bis zum 30-Minuten-Testrezept.
Das Wichtigste in Kürze
- NVDA ist ein kostenloser Open-Source-Screenreader für Windows von NV Access. Stand Juli 2026: Version 2026.1.1, nur für 64-Bit-Windows 10 und 11.
- Start: Strg+Alt+N, Beenden: NVDA+Q, Strg stoppt die Sprachausgabe sofort. Die NVDA-Taste ist Einfügen oder die Dauergroßschreibtaste.
- Lesemodus: Einzeltasten H, K, D, F, T navigieren. Fokusmodus: alle Tasten gehen an die Seite. Wechsel mit NVDA+Leertaste; Esc nur nach automatischem Wechsel.
- NVDA+F7 öffnet die Elementliste mit Überschriften, Links und Sprungmarken – der schnellste Strukturcheck.
- WebAIM-Survey #10 (2024, 1.539 Befragte): 21,3 % nutzen NVDA mit Chrome, 10,0 % mit Firefox – in beiden Browsern testen.
- Fehlender Name oder fehlende Rolle verletzt WCAG 4.1.2 (Level A), nicht vermittelte Struktur WCAG 1.3.1 (Level A).
- NVDA liefert Diagnosen, keine Beweise: Befunde im Code verifizieren – der BIK-BITV-Test nutzt den Screenreader nur „ergänzend“.
NVDA installieren und einrichten
NVDA (NonVisual Desktop Access) ist ein kostenloser Open-Source-Screenreader für Windows, entwickelt von NV Access und spendenfinanziert. Lade ihn ausschließlich von nvaccess.org. Für gelegentliche Tests reicht die portable Version ohne Adminrechte; wer regelmäßig testet, installiert – die Desktop-Verknüpfung Strg+Alt+N kommt gleich mit. Stand Juli 2026: Aktuell ist NVDA 2026.1.1; seit Version 2026.1 läuft NVDA nur noch auf 64-Bit-Windows 10 und 11.
Direkt bei der Einrichtung den Autostart mit Windows abwählen, sonst redet NVDA künftig bei jedem Systemstart mit. Der wichtigste Befehl kommt vor allen anderen: Strg stoppt die Sprachausgabe sofort, Umschalt pausiert sie. Beendet wird mit NVDA+Q.
Die NVDA-Taste: Einfügen oder Capslock
Fast alle Befehle nutzen einen Modifikator, die NVDA-Taste. Standard ist Einfügen – auf vielen Laptops fehlt diese Taste aber. Die Lösung: im Begrüßungsdialog die Dauergroßschreibtaste als NVDA-Taste aktivieren und das Laptop-Tastaturschema wählen. Eine Eigenheit gehört dazu: Wer wirklich Großbuchstaben feststellen will, tippt Capslock zweimal schnell hintereinander.
Stimme und Tempo zuerst zähmen
NVDA nutzt auf Windows 10 und 11 seit Version 2018.2 die Windows-OneCore-Stimmen; eSpeak NG greift nur, wenn keine OneCore-Stimme die NVDA-Sprache unterstützt. Klingt die Ausgabe blechern, prüfe unter Optionen → Einstellungen → Sprachausgabe, ob eSpeak aktiv ist, und installiere die deutschen Windows-Stimmen. Das Sprechtempo darf beim Testen langsam sein: per Schieberegler in denselben Einstellungen oder über den Einstellungsring – NVDA+Strg+Pfeil links/rechts wählt den Parameter, rauf/runter ändert ihn.
Sprachbetrachter: Ansagen als Text mitlesen
Für sehende Tester das wichtigste Werkzeug: Der Sprachbetrachter (NVDA-Menü über NVDA+N → Werkzeuge) zeigt jede Ansage als mitlaufenden Text. Das macht Befunde dokumentierbar – ein Screenshot der Textausgabe im Ticket ersetzt das vage „bei mir klang das komisch“; für längere Sessions lässt sich zusätzlich ein Protokoll mitschreiben.
Browserwahl: Chrome und Firefox, nicht entweder–oder
Ältere Anleitungen empfehlen ausschließlich Firefox – um 2017 berechtigt, heute überholt: NVDA unterstützt Firefox, Chrome und Edge. Die WebAIM Screen Reader Survey #10 (Dezember 2023 bis Januar 2024, 1.539 Antworten) zählt 21,3 % NVDA mit Chrome, 10,0 % mit Firefox und 5,0 % mit Edge. Weil Browser die Accessibility-Schnittstellen unterschiedlich bedienen, können sich Befunde unterscheiden – deshalb primär in Chrome testen und Stichproben in Firefox gegenprüfen.
Lesemodus und Fokusmodus: die Hürde, an der Einsteiger scheitern
NVDA kennt auf Webseiten zwei Zustände. Im Lesemodus liegt ein virtuelles Dokument über der Seite: Einzeltasten sind Navigationsbefehle, H springt zur nächsten Überschrift, K zum nächsten Link. Im Fokusmodus gehen alle Tastendrücke an die Webseite selbst – nötig, sobald du in ein Formularfeld tippst. Beim Fokussieren eines Eingabefelds wechselt NVDA automatisch in den Fokusmodus und quittiert das mit einem hellen Klicklaut; der Rückwechsel klingt dumpfer. Manuell schaltest du mit NVDA+Leertaste um; Esc führt nur zurück, wenn NVDA automatisch in den Fokusmodus wechselte – sonst erneut NVDA+Leertaste.
Zwei Symptome zeigen zuverlässig den falschen Modus an: „Ich drücke H und nichts passiert“ – Fokusmodus aktiv, das h landet als Buchstabe im Feld; Esc drücken. „Meine Buchstaben landen nicht im Suchfeld, sondern lösen Sprünge aus“ – Lesemodus aktiv; NVDA+Leertaste drücken. Wer beide Situationen einmal bewusst ausprobiert hat, hat die größte Einsteiger-Hürde hinter sich.
Die wichtigsten Befehle, nach Aufgabe gruppiert
Alle Einzeltasten wirken im Lesemodus, Umschalt+Taste springt rückwärts:
| Aufgabe | Befehl |
|---|---|
| Alles vorlesen ab Cursor | NVDA+Pfeil runter, im Laptop-Schema NVDA+A |
| Zum Seitenanfang | Strg+Pos1 |
| Nächste Überschrift (Ebene 1–6) | H (bzw. 1–6) |
| Nächster Link (unbesucht / besucht) | K (U / V) |
| Nächste Sprungmarke/Landmarke | D |
| Nächstes Formularfeld / Eingabefeld / Schalter | F / E / B |
| Nächste Tabelle, dann Zellnavigation | T, dann Strg+Alt+Pfeiltasten |
| Nächste Grafik / Liste / Listeneintrag | G / L / I |
| Elementliste öffnen | NVDA+F7 |
| Lesemodus ↔ Fokusmodus | NVDA+Leertaste (Esc nur nach automatischem Wechsel) |
Das ist dieselbe Sprung-Logik, mit der Screenreader-Nutzer tatsächlich surfen – du testest reale Strategien, nicht abstrakte Technik. Das unterschätzteste Werkzeug ist die Elementliste NVDA+F7: Überschriften, Links, Formularfelder, Schalter und Sprungmarken als Baum – der Strukturcheck dauert Sekunden.
So testest du es
Vorbereitung: Maus weglegen – jeder Zwischenklick setzt einen Fokus, den Tastaturnutzer nie erreichen. Sprachbetrachter an, optional den Bildschirm abdunkeln. Dann das 30-Minuten-Rezept:
- Ankommen (2 Minuten). Seite laden. Wird der Seitentitel sinnvoll angesagt? Stimmt die Aussprache, oder fehlt englischen Passagen die Sprachauszeichnung?
- Überschriften prüfen (5 Minuten). NVDA+F7, auf Überschriften umschalten. Liest sich die Liste wie ein Inhaltsverzeichnis mit sauberer Hierarchie ohne Ebenensprünge, und beschreiben die Überschriften ihre Abschnitte?
- Landmarken abklopfen (3 Minuten). Mit D durch die Landmarks: Gibt es genau ein
main, sind Navigation und Footer als solche angesagt? - Alles-vorlesen-Stichprobe (5 Minuten). Strg+Pos1, dann NVDA+Pfeil runter (im Laptop-Schema NVDA+A): Kommt der Inhalt in einer bedeutungstragenden Reihenfolge, oder springt die Ansage zwischen Spalten hin und her?
- Tastatur-Durchgang (5 Minuten). Mit Tab durch alle Bedienelemente: jedes per Tastatur erreichbar, Name und Rolle angesagt, jeder Linkzweck aus Linktext und Kontext erkennbar?
- Formulare (5 Minuten). Mit F von Feld zu Feld: Werden Label, Typ und Pflichtstatus angesagt? Dann absichtlich falsch absenden – werden Fehlermeldungen angesagt und am Feld wiedergefunden?
- Tabellen (2 Minuten). Mit T zur Tabelle, mit Strg+Alt+Pfeiltasten durch die Zellen: Werden Spalten- und Zeilenüberschriften mitgesprochen? Wenn nicht, fehlt die semantische Tabellenstruktur.
- Bilder (3 Minuten). Mit G von Grafik zu Grafik: Sagt jeder Alt-Text etwas Sinnvolles, wird Dekoration mit leerem alt übersprungen (1.1.1)?
Befunde einordnen: von der Ansage zum WCAG-Kriterium
Ein NVDA-Befund wird erst zum belastbaren Fehlerbericht, wenn er einem Kriterium zugeordnet ist. Die zwei häufigsten Muster:
„Klickbar“ ohne Rolle, „Schalter“ ohne Namen. Hörst du nur „klickbar“ oder einen Schalter ohne Beschriftung, fehlen Name oder Rolle im Accessibility Tree. Das verletzt WCAG 4.1.2 Name, Rolle, Wert (Level A): Das Understanding-Dokument verlangt, dass Name und Rolle „programmatisch ermittelbar“ sind; ein Bedienelement ohne programmatisch ermittelbaren Namen ist als Fehlschlag F68 dokumentiert, ein per Skript zum Bedienelement gemachtes div ohne Rolle als F59. Der Klassiker ist der div-Button:
<!-- NVDA sagt nur „klickbar“ – keine Rolle, kein Name (Fehlschläge F59 und F68) -->
<div class="btn" onclick="absenden()">
<img src="senden.svg" alt="">
</div>
<!-- NVDA sagt „Absenden, Schalter“ -->
<button type="submit">Absenden</button>
Struktur, die nicht ankommt. Eine sichtbare Überschrift, die mit H nicht erreichbar ist, eine Tabelle ohne angesagte Spaltenköpfe, ein Label, das nicht mitgesprochen wird: alles Verstöße gegen
WCAG 1.3.1 Info und Beziehungen
(Level A). Das Understanding-Dokument zu 1.3.1 listet die passenden Fehlschläge: F2 (Styling statt Markup), F90 (headers/id falsch zugeordnet), F91 (Kopfzellen nicht ausgezeichnet), F92 (role="presentation" auf bedeutungstragendem Inhalt):
<!-- Sieht aus wie eine Überschrift – mit H nicht erreichbar (F2) -->
<p class="gross fett">Lieferbedingungen</p>
<!-- Erscheint in der Elementliste und ist mit H ansteuerbar -->
<h2>Lieferbedingungen</h2>
Die wichtigste Regel: NVDA ist Diagnose-Instrument, kein Beweis. Der BIK-BITV-Test setzt den Screenreader im Prüfschritt 9.4.1.2 nur „ergänzend“ für komplexe Widgets ein – geprüft wird im Code und im Accessibility Tree der DevTools. Erst wenn die Ursache im Markup gefunden ist, wird aus der irritierenden Ansage ein Ticket. Denn Sehende ohne Screenreader-Routine interpretieren NVDA-Verhalten leicht falsch – eine ungewohnte Ansage ist nicht automatisch ein Fehler.
NVDA, JAWS, VoiceOver: was der Test abdeckt – und was nicht
Zur Einordnung die WebAIM-Zahlen (Survey #10, 2024): JAWS ist mit 40,5 % knapp vor NVDA (37,7 %) der häufigste Haupt-Screenreader am Desktop, bei „häufig genutzt“ führt NVDA mit 65,6 %. VoiceOver kommt am Desktop nur auf 9,7 % – mobil dominiert es mit 70,6 %, vor TalkBack mit 34,7 %. Daraus folgt eine pragmatische Arbeitsteilung: NVDA fürs Windows-Testing, VoiceOver auf iPhone und iPad fürs Mobile-Testing – pro Plattform-Gruppe mindestens ein Screenreader. Wenn deine Zielgruppe in Behörden sitzt, kommt JAWS dazu, für die Android-Seite TalkBack. Die gesamte Landschaft inklusive Narrator zeigt der Screenreader-Überblick.
Genauso ehrlich: Der 30-Minuten-Test ersetzt weder eine WCAG-Vollprüfung – dafür gibt es BITV-Test und Audit – noch Tests mit Menschen, die täglich mit Screenreader arbeiten. Automatisierte Tools wie axe oder WAVE erkennen nur einen Teil der Probleme (verbreitet werden 30–40 % genannt, Deque nennt 57 % – die Zahl ist umstritten); weitere manuelle Prüfungen sammelt Barrierefreiheit selbst testen. Nebenbei: NVDA prüft auch PDFs im Adobe- oder Foxit-Reader – dieselben Befehle, anderes Format.
Häufiger Fehler in der Praxis
Der Fokusmodus-Fehlalarm. Ein Entwickler meldete mir, die Überschriften-Navigation sei „komplett kaputt“ – H tue nichts. Tatsächlich lag der Fokus in einem Suchfeld mit Autofokus, NVDA im Fokusmodus. Nach Esc funktionierte alles. Meine erste Frage bei jedem NVDA-Befund lautet seitdem: In welchem Modus warst du?
Test wegen der Fallback-Stimme abgebrochen. Zweimal erlebt: Ohne deutsche OneCore-Stimme fiel NVDA auf eSpeak NG zurück, das Team hielt die Roboterstimme zehn Minuten aus und vertagte das Thema auf „später“. Die Windows-Stimmen nachzuinstallieren kostet Minuten – und entscheidet, ob getestet wird.
NVDA-Eigenheiten als Website-Fehler gemeldet. Aussprachefehler bei Abkürzungen, ein sperrig vorgelesenes Datum, andere Formulierungen als in VoiceOver: keine WCAG-Verstöße. Ins Ticket gehört, was sich im Markup belegen lässt – Name, Rolle, Struktur, Reihenfolge.
Häufige Fragen
Ist NVDA wirklich kostenlos und wo lade ich es sicher herunter?
Ja, NVDA ist vollständig kostenlos und Open Source; NV Access finanziert die Entwicklung über Spenden. Die einzige seriöse Downloadquelle ist nvaccess.org – der Spendendialog lässt sich überspringen. Stand Juli 2026 ist NVDA 2026.1.1 aktuell und setzt 64-Bit-Windows 10 oder 11 voraus.
Warum passiert nichts, wenn ich in NVDA H für Überschriften drücke?
Weil NVDA im Fokusmodus ist: Dein H geht als Buchstabe an die Webseite statt als Sprungbefehl an NVDA – typisch nach Autofokus auf einem Suchfeld. Drücke Esc, um in den Lesemodus zurückzukehren, dann funktionieren H, K, D und die anderen Einzeltasten wieder. Den Moduswechsel erkennst du am Klicklaut.
Welcher Browser ist am besten für Tests mit NVDA – Firefox oder Chrome?
Beide, mit Chrome als erster Wahl. Die alte Nur-Firefox-Empfehlung ist überholt: Laut WebAIM-Survey #10 (2024) nutzen 21,3 % der Befragten NVDA mit Chrome und 10,0 % mit Firefox. Browser setzen die Barrierefreiheits-Schnittstellen unterschiedlich um – prüfe strittige Befunde deshalb in der jeweils anderen Kombination gegen.
Reicht ein NVDA-Test, um zu wissen, ob meine Website barrierefrei ist?
Nein. Der NVDA-Test prüft die Screenreader-Perspektive: Struktur, Namen, Rollen, Reihenfolge. Kontraste, Zoom-Verhalten, Untertitel oder kognitive Aspekte erfasst er nicht; für einen Konformitätsnachweis braucht es eine vollständige Prüfung aller WCAG-Kriterien, etwa nach dem BITV-Verfahren. Der NVDA-Test ist der wirksamste Einzelbaustein, nicht das ganze Haus.
Gibt es NVDA für den Mac – und was nehme ich stattdessen?
Nein, NVDA läuft ausschließlich unter Windows. Auf dem Mac ist VoiceOver eingebaut (Cmd+F5) und deckt die Apple-Welt inklusive iPhone ab; für gelegentliche NVDA-Gegenproben reicht eine Windows-VM mit der portablen Version. Mobil ist VoiceOver mit 70,6 % ohnehin der wichtigere Screenreader.
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Quellen
- NV Access: NVDA 2026.1 Release Notes (Systemvoraussetzungen, aktuelle Version)
- WebAIM Screen Reader User Survey #10 (Dez. 2023–Jan. 2024, 1.539 Antworten)
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